ADHS in der Familie – wenn alle Nervensysteme mit am Tisch sitzen
Vielleicht kennst du das:
Der Morgen hat noch gar nicht richtig begonnen und eigentlich bist du schon erschöpft.
„Jetzt zieh dich bitte an.“
„Wo ist dein Rucksack?“
„Wir müssen los!“
Du hast es nicht einmal gesagt, sondern gefühlt schon hundertmal.
Dein Kind reagiert gereizt. Du wirst ungeduldig. Dein Kind wird noch lauter. Und irgendwann fragst du dich:
Warum ist das bei uns eigentlich immer so anstrengend?

In meiner Arbeit begegnen mir immer wieder Familien, die genau solche Situationen kennen. Familien, die sich lieben und trotzdem unglaublich viel miteinander kämpfen. Eltern, die alles geben und sich gleichzeitig fragen, ob sie vielleicht etwas falsch machen.
Und genau hier möchte ich einen anderen Blickwinkel aufmachen:
Was passiert eigentlich in unseren Nervensystemen?
Wenn wir über ADHS sprechen, schauen wir häufig auf das Kind. Es kann sich schlecht konzentrieren. Es ist impulsiv. Es vergisst Dinge. Es platzt dazwischen. Es kommt schwer zur Ruhe. Und natürlich brauchen Kinder Orientierung und Grenzen.
Aber ADHS ist keine Frage von „Wollen“ oder „Nicht-Wollen“. Es handelt sich um eine neurobiologische Entwicklungsstörung, bei der unter anderem die Regulation von Aufmerksamkeit und Impulsen beeinträchtigt sein kann.
Was wir von außen als „schwieriges Verhalten“ erleben, kann also ganz andere Ursachen haben, als wir im ersten Moment denken.
Und manchmal hilft schon dieser kleine Perspektivwechsel:
Mein Kind macht es nicht gegen mich. Es hat es gerade schwer. Es gibt gerade einen guten Grund für sein Verhalten. Das bedeutet nicht, dass jedes Verhalten okay ist.
Es bedeutet, dass wir anders darauf schauen können.
Und dann komme ich als Mutter oder Vater ins Spiel
Denn – und das finde ich in diesem Zusammenhang so wichtig – auch wir Eltern haben ein Nervensystem.
Und unseres ist nicht unendlich belastbar.
Wenn der Tag schon mit Stress beginnt, die Nacht kurz war, die Arbeit wartet, das Geschwisterkind ebenfalls etwas möchte und wir zum fünften Mal sagen:
„Bitte zieh jetzt deine Schuhe an.“
… dann kann irgendwann einfach die Geduld am Ende sein.
Manche Eltern werden dann laut, reagieren schärfer, als sie wollen. Und hinterher merken sie, wie angespannt sie selber waren.
Und dann kommt oft noch das schlechte Gewissen dazu.
„Ich wollte doch ruhig bleiben.“
Ich möchte Eltern an dieser Stelle gerne entlasten: Auch dein Nervensystem reagiert auf Stress.
Wenn zwei Nervensysteme aufeinandertreffen
Und genau hier wird es spannend.
Ein Kind ist aufgebracht.
Der Erwachsene wird ebenfalls angespannt.
Das Kind spürt die Anspannung des Erwachsenen.
Der Erwachsene erlebt das Kind als noch schwieriger.
Und plötzlich schaukelt sich alles hoch.
Nicht, weil jemand absichtlich etwas falsch macht.
Sondern weil Nervensysteme miteinander in Beziehung stehen.
Wenn wir das verstehen, können wir beginnen, früher wahrzunehmen:
Oh, hier kippt gerade etwas.
Vielleicht ist es der Moment, in dem meine Stimme lauter wird.
In dem mein Körper sich anspannt.
In dem ich merke: „Jetzt muss es aber funktionieren!“
Und vielleicht ist genau das der Moment, in dem ich kurz aussteigen darf.
Nicht aus der Verantwortung.
Sondern aus der Eskalation.
Ein Atemzug.
Ein Glas Wasser.
Ein paar Sekunden Abstand.
Eine leisere Stimme.
Oder einfach der Satz:
„Ich merke, dass es gerade für uns beide zu viel wird. Lass uns kurz Pause machen.“
Vielleicht braucht es manchmal einen anderen Blick
Ich glaube, dass gerade Eltern von Kindern mit ADHS unglaublich viel leisten.
Und gleichzeitig bekommen sie häufig noch die Botschaft:
Du musst konsequenter sein.
Du musst ruhiger bleiben.
Du musst besser strukturieren.
Du musst dein Kind besser im Griff haben.
Ich möchte lieber eine andere Frage stellen:
Was würde sich verändern, wenn wir mehr verstehen, was hinter dem Verhalten passiert?
Wenn wir nicht nur das Kind anschauen, sondern die ganze Familie?
Wenn wir verstehen, dass auch das Nervensystem der Eltern eine Rolle spielt?
Und wenn wir aufhören, uns gegenseitig die Schuld zu geben?
Vielleicht entsteht dann etwas mehr Raum. Für Verständnis.
Für Verbindung.
Und manchmal auch für ein bisschen mehr Leichtigkeit.
ADHS & Nervensystem – Workshop im November
Genau diesem Thema widme ich mit meiner Kollegin Alexandra Kaufmann (www.beziehungswerkstatt-kaufmann.de) einen Workshop im Stuttgarter Westen.
Wir schauen gemeinsam darauf, was ADHS mit dem Familienalltag macht und welche Rolle das Nervensystem dabei spielt – bei den Kindern und bei uns Eltern.
Es geht um Überforderung und Regulation, um typische Eskalationen und vor allem um die Frage: Was können wir konkret tun, wenn es im Familienalltag wieder einmal zu viel wird?
Wir möchten euch dabei nicht die eine perfekte Lösung mitgeben.
Denn die gibt es nicht.
Wir möchten euch vielmehr einen neuen Blick ermöglichen, Zusammenhänge verständlich machen und euch konkrete Impulse für euren Familienalltag mitgeben.
Mehr verstehen. Früher wahrnehmen. Anders reagieren.
Wenn du dich in diesem Artikel wieder erkennst, freue ich mich, dich im November bei unserem Workshop zu sehen.
Freitag, 06. November 2026
18:00 – 21:00 Uhr
Smilhus Studio
Hasenbergstrasse 76 | 70176 Stuttgart
69 Euro pro Person (Frühbucher 59 Euro bis 15.10.) 130, Euro pro Paar (Frühbucher 115 Euro bis 15.10.)
Anmeldung über:
Und vielleicht nimmst du heute nur eine Frage mit
Wenn es das nächste Mal schwierig wird, frag dich nicht sofort:
„Was stimmt denn jetzt schon wieder nicht?“
Sondern vielleicht:
„Was passiert gerade in meinem Nervensystem – und was könnte gerade im Nervensystem meines Kindes passieren?“
Manchmal verändert diese eine Frage schon etwas.
Nicht alles.
Aber vielleicht den nächsten Moment.
Und manchmal beginnt genau dort Veränderung.




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